Timing – die neue Schnelligkeit

Schnelligkeit und Pioniergeist faszinieren Menschen offenbar. Der schnellste Mensch der Welt ist ebenso beeindruckend wie der erste Mensch am Südpol. Übertragen aufs Business wird daraus ein wirtschaftlicher Wettbewerbsvorteil, der sich in zwei Leitsätzen der Internetökonomie wiederfindet: „First Mover Advantage“ und „die Schnellen fressen die Langsamen“.

Apple überquerte die Ziellinie bei den Tablet-PC´s als erster und Google war ein Pioneer der Suchmaschinentechnologie. Wer heute in einer digitalen Welt erfolgreich sein will, muss schnell sein, sowohl in der Produktentwicklung als auch in der Besetzung der entsprechenden Märkte.

Die Ziele, die so erreicht werden sollen sind klar:

  1. Aufbau einer kritischen Masse, die anderen den Marktzugang erschwert.
  2. Abschöpfung höherer Konsumentenrenten, durch die Schaffung eines First Mover Monopols.

Google, Facebook, Apple sowie Amazon sind die Paradebeispiele dafür, oder?

Häufig wird daher dieser Produktentwicklungs- und Markteintrittstrategie gefolgt. So schossen die App-Umsetzungen wie Pilze aus dem Boden, kaum war das iPad gelauncht. Man hoffte, so  einen First Mover Advantage zu erzielen, um die hohe Zahlungsbereitschaft für Apps abzuschöpfen. Sieht man sich einige Beispiele – insbesondere das iPad – näher an, sollte man die These vielleicht hinterfragen.

Die Idee eines Tablet-PC´s – inklusive einer Siri-ähnlichen Sprachsteuerung – wurde bereits Ende der 80er Jahre (zu sehen unter http://www.youtube.com/watch?v=xp4aRpcX5So) von Apple präsentiert. Mitte der 90er Jahre brachte Apple den Newton (einen PDA mit Touchscreen) auf den Markt. Mit der Entwicklung des iPads wurde im Jahr 2002 begonnen. Selbst die kürzeste Entwicklungsspanne umfasst 8 Jahre. Rechnet man die Zeitspanne von der Idee bis zum Launch, dann sind es über 20 Jahre. Von einer besonders schnellen Produktentwicklung kann hier eher nicht gesprochen werden

 

Und Google? Als Google nach knapp drei Jahren Entwicklungszeit 1998 an den Start ging, gab es mehr als ein Dutzend Suchmaschinen, mit zum Teil marktbeherrschenden Positionen. MSN, Yahoo, Altavista, Excite, Fireball Lycos und weitere kämpften um die kritische Nutzermasse. Google setzte sich – fast als Letzter gestartet – durch. Hier kann schon von einem Last Mover Advantage gesprochen werden – wie bei Facebook auch.

 

Statt dem Geschwindigkeits-Glauben blind zu folgen, sollte die Maxime in Frage gestellt werden. Wichtiger scheint es zu sein fünf Punkte zu beachten:

 

 

  1. These für die Zukunft entwerfen

Google will verstehen was die Nutzer meinen, wenn sie suchen. Die These kann kurz zusammengefasst werden in: „Du bist was Du klickst“. Google verfolgt die Umsetzung einer klickbasierten künstlichen Intelligenz. Auf unserem Nutzungsverhalten basierend, wird die digitale Welt für uns von Google angepasst. Facebooks These lautet: „Du bist was Du teilst und mit wem Du interagierst.“ Informationen werden um dieses Verhalten herum ausgerichtet. Ohne Leitthese wird die Suche nach Innovationen und passenden Produkten ein hoffnungsloses Unterfangen. Denn es gibt noch keine digitale Strategieblaupause. Wir befinden uns in strukturlosen Entscheidungssituationen.

 

  1. Ressourcen und Kompetenzen anpassen

Die dominierenden Player kaufen immer wieder Kompetenzen passend zu ihren Leitmotiven zu und integrieren diese in eigene Produkte, statt sie als eigenständige Modelle weiterlaufen zu lassen. So kaufte Apple SoundJam und machte daraus iTunes, Lala.com wurde in die iCloud-Technologie integriert. Amazon kaufte Mobipocket und entwickelte daraus kindle. Die BigPlayer passen ihre Ressourcen, den technischen Rahmenbedingungen immer besser an.

 

  1. Konsequent sein

Viele Unternehmen springen von einem Hypethema zum nächsten, statt konsequent zu handeln. Amazons Ziel wurde schon im Namen verankert: „Der größte Warenstrom der Welt“ – ein digitaler Amazonas. Dieses Ziel wird konsequent verfolgt. Viele Zukäufe und Produktentwicklungen lassen dieses Ziel immer deutlicher erkennen.

 

  1. Flexibel bleiben 

Konsequenz, darf nicht mit starrem Festhalten an einem einmal eingeschlagenen Weg verwechselt, sondern muss um eine entsprechende Flexibilität ergänzt werden. Google erkannte 2004, dass man, um dem Nutzer bessere Suchergebnisse liefern zu können, diesen kennen muss. Dies geschieht durch die technologische Beobachtung des Verhaltens. So begann Google Dienste anzubieten, bei denen sich der Nutzer anmelden muss. Gerade da sich Rahmenbedingungen noch deutlich ändern können, ist Flexibilität entscheidend.   

 

  1. Timing ist die neue Geschwindigkeit

Die Fähigkeit zu erkennen, wann sich technische Möglichkeiten mit einer kritischen Masse zu einem Markt vereinen, ist die zentrale Management-Herausforderung. Bill Gates prognostizierte den Durchbruch der Tablet-PC´s 2001 für das Jahr 2006, marktfähig wurden sie aber erst 4 Jahre später. Apple wartete bei der Umsetzung des iPhones, bis leistungsfähige Mikroprozessoren für Handys und Touchscreentechnologien weit genug fortgeschritten waren. Die Touchscreentechnologie hatte 2006 erst den Durchbruch (zu sehen unter http://www.ted.com/talks/jeff_han_demos_his_breakthrough_touchscreen.html).

 

Vieles was die Unternehmen kommunizieren, soll einen Pionier-Mythos erzeugen. Mit der Realität hat es oft nichts zu tun. Die wahren Pioniere sind meist unbekannt, oder kennen Sie Karlheinz Brandenburg? Vielleicht ist es an der Zeit Mythen der digitalen Welt über Bord zu werfen, um so schneller ans Ziel zu gelangen. Der Geschwindigkeitsmythos gehört dazu.