Da haben sie den (Kartoffel-)Salat

Medien fallen gerne auf alles rein, was irgendwie mit Social Media gebrandet wird und verschaffen so auch schlechten Produkten und Leistungen kostenlos Aufmerksamkeit. Dabei werden Aussagen unkritisch übernommen, statt sich mit den Themen auseinanderzusetzen. Am Beispiel des medial gehypten, aber an den Kinokassen nicht sonderlich erfolgreichen Filmes „Kartoffelsalat“ der YouTuber um Freshtorge kann das Phänomen gezeigt werden.

Als der Film Kartoffelsalat angekündigt wurde, waren sich viele Medienschaffende und Experten einig, dass dieser Film die Massen anziehen würde.
So schrieb die F.A.Z. „Fünf Vorstellungen laufen derzeit täglich im Frankfurter Cinestar, eine Frequenz, die derzeit sonst nur die „Minions“ sowie die Comicverfilmung „Ant-Man“ schaffen

Nun sechs Wochen später und mit circa 360.000 Besuchern (Stand 30.08) wird von Medien auch gerne behauptet, dass der Film ein Erfolg sei. So schreibt die Welt: „In der Start-Woche hat der erste Youtuber-Kinofilm „Kartoffelsalat – Nicht fragen“ seine Produktionskosten wieder eingespielt. Bereits das Wochenende war für Freshtorge, Dagi Bee und Co. ein Erfolg.“


Dabei werden – wie es inzwischen leider gerne gemacht wird – einfach Behauptungen übernommen, ohne diese zu hinterfragen oder differenziert zu analysieren. In diesem Fall wieder mal, weil es ein Film von YouTubern ist und alles was irgendwie mit Internet und Social Media zu tun hat schon mal grundsätzlich ein Erfolg sein oder werden muss.

Die erste Frage müsste allerdings lauten, ob die Besucherzahl wirklich als ein Erfolg zu werten ist und zwar absolut und relativ.

In absoluten Zahlen ist der Film alles andere als ein Erfolg.
Sieht man sich die Kinocharts an, dann rangiert der Film auf Platz 46 der 2015er Kinocharts.
Zählt man nur die Filme, die rund um denselben Starttermin liegen, dann schafft es der Film gerade so in die TopTen. Und auch wenn man nur deutsche Filme zum Vergleich heranzieht, schneidet Kartoffelsalat nicht besonders gut ab.
Der Kinderanimationsfilm „Rico, Oskar und das Herzgebreche“ der am 11.06. startete, liegt mit 450 Tsd. Besuchern vor Kartoffelsalat und selbst der kaum besprochene Film „Abschussfahrt“ (Ende Mai gestartet, in allerdings knapp 150 Kinos weniger als Kartoffelsalat) liegt nur 50.000 Besucher hinter dem Film der Generation YT.
Der beste deutsche Film des Jahres, „Traumfrauen“, hatte allein am Startwochenende 541.035 Besucher (zum Vergleich: Kartoffelsalat hatte 193 Tsd. Besucher am Startwochende) und liegt mit 1,7 Mio. Zuschauern weit vor dem Film von Freshtorge&Co. Insgesamt belegt der Film der YouTuber aktuell Platz 7 der deutschen Filme und trägt auch relativ gesehen nur 4% der Besucher aller deutschen Filme im Kino 2015 bei!

Sieht man sich die relativen Zahlen an, dann wird der Film Kartoffelsalat noch schwächer. Denn zusammengerechnet bringen es die im Film mitwirkenden YouTuber auf knapp 20 Millionen Abonnenten. Wenn (was natürlich nicht stimmt) alle Abonnenten „Menschen“ und diese alle relevante Zielgruppe wären, so käme man auf eine ziemlich schwache Conversion von unter 2 Prozent. Hinzu kommt, dass Dank der „traditionellen“ Medien, der Film überall besprochen und redaktionell „beworben“ wurde. Von den Onlinemedien wie Welt.de, Spiegel.de bis hin zu TV Total von Stefan Raab und weiteren TV Sendungen.

Aber all das führt gerade mal zu knapp 400 Tsd. Besuchern von denen über 50 Prozent am Startwochenende den Film ansahen.

Damit aber nicht genug, nein die Medien nehmen das Thema erneut auf und gehen auf die negativ Kampagne ein und verkünden, dass nun der Film der schlechteste aller Zeiten sei. Nur scheinen die Medien wieder mal nicht zu erkennen, dass es sich hierbei wieder um eine kostenlose PR-Strategie getreu des Mottos: „Auch schlechte PR ist gute PR“ handeln könnte, um den Abverkauf von DVD und Downloads anzukurbeln und den Film so wieder in das Bewusstsein der User zu bringen. Mitreden – auch und gerade über den schlechtesten Film aller Zeiten – darum geht es ja ganz oft bei Mediengütern wie Filmen. Man muss es gesehen haben, damit man mitreden kann.

Aber vielleicht sollte man doch besser mal kritisch hinterfragen, ob man wirklich mitreden möchte, auch als Medium.

Was kann man denn nun eigentlich aus dieser Story lernen?

1. YouTube Abonnenten sind nicht unbedingt „echte“ Menschen
2. Nur weil jemand einem Online „folgt“ heißt es nicht, dass er auch Produkte von ihm kauft
3. Wer Online nichts zahlt, zahlt auch für andere Leistungen nichts (siehe dazu die Studie: Das digitale Transformationsdilemma)
4. Erfolg mit Online Medienformaten, bedeutet nicht gleich Erfolg in traditionellen Formaten
5. Wenn Du in die Medien kommen willst, dann mach irgendwas mit Social Media


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